Felix Draeseke: Sammlung Heinz Ebert [Band IIA; Seiten 75-76]
F.A. Geißler: Felix Draeseke† in Dresden (Die Musik, V. 12, 2 März 1913)

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DIE MUSIK XII. 12: 2. MÄRZHEFT 1913 , 349-352
FELIX DRAESEKE†
VON F. A. GEISSLER IN DRESDEN

Die deutsche Tonkunst hat einen ihrer besten Meister verloren: Felix Draeseke ist nach kurzer Krankheit am 26. Februar abherufen worden, im 77. Jahre seines früchteschweren, an Künstlers Leid und Freud gar reichen Lebens.1) Seit Jahren schon zog Jeder Musiker den Hut vor ihm, und dem großem Publikum klang sein Name ein wenig geheimnisvoll als der eines großen Kontrapunktikers, der sehr schwer schreibe und den lieben Dilettanten so gar keine Zugeständnisse in seinem Schaffen mache, Seit wenig mehr als einem Jahre aber erst schallte sein Name mit hellem Ton durch die Lande: seit der bedeutsamen Berliner Gesamtaufführung seines in drei Tagewerke zerfallenden Mysteriums "Christus", das mit einem Schlage als ein hochbedeutendes, in seiner festen Eigenart, seiner gewaltigen Kraft und seinem glaubenstiefem Ernst einzig in unserer Zeit dastehendes Kunstwerk erkannt wurde und seinem Schöpfer hohe Ehren, darunter in erster Linie den Doktorhut der Berliner Universität einbrachte — leider aber keinen Verleger, so daß sein "Christus" noch heute ungedruckt ist.

Diese eine Tatsache beleuchtet grell das tief bedauerliche Mißverhältnis, das zwischen des heimgegangenen Meisters künstlerischem Ruhm und der geschäftlichen Bewertung seiner Werke bestand.

Sein äußeres Leben war einfach. Am 7. Oktober 1835 als Sohn des Hofpredigers Theodor Draeseke zu Koburg geboren, durchlief er das Gymnasium seiner Vaterstadt und erregte schon damals durch seine musikalische Begabung Aufsehen. Dennoch konnte er nur mühsam seinem Vater, der ihn zum Theologen bestimmt hatte, die Erlaubnis abringen, sich der Tonkunst zu widmen. Am Leipziger Konservatorium waren Rietz, Hauptmann und Richter seine Lehrer. Legte er bei ihnen den soliden Grund zu seiner späteren bewundernswerten Meisterschaft im gebundenen Stil, so erlebte er seinen Tag von Damaskus gelegentlich eines Ausflugs nach Weimar, wo er Wagners "Lohengrin" zum erstenmal hörte. Der ungeheure Eindruck, den er durch dieses Kunstwerk erhielt, machte ihn zu einem begeisterten Anhänger Richard Wagners und der "neudeutschen Richtung". So gesellte er sich zu Franz Brendel, der damals In der "Neuen Zeitschrift für Musik" für den musikalischen Fortschritt leidenschaftlich focht, und wurde bald ein begeisterter Rufer im Streit. Aber das sehr konservative Leipzig war nicht die Wirkungsstätte für einen jungen Feuerkopf wie Draeseke und so begab er sich im Jahre 1856 nach Berlin, wo er mit Hans v. Bülow Freundschaft schloß. Durch ihn wurde er mit Liszt bekannt, dessen symphonische Dichtungen er aufrichtig bewunderte, und dieser führte ihn in den Kreis Wagners ein. Von 1857-1862 lebte Draeseke in Dresden, wirkte sodann in Lausanne als Lehrer und widmete sich daneben den gründlichsten Theoriestudien und dem eigenen Schaffen. Von 1876 war wieder die sächsische Hauptstadt seine Heimat. Hier war er anfangs Lehrer an der Rollfußschen Musikakademie, 1884 wurde er an das Köngliche Konservatorium berufen und lehrte hier Komposition und Musikgeschichte.

Das Schaffen Draesekes ist bisher im Zusammenhang noch nicht dargestellt, vielmehr oft genug recht falsch beurteilt worden. Die Ansicht, daß Draeseke im Gegensatz zu dem stürmischen Drang seiner jungen Jahre späterhin "reaktionär" geworden sei, spricht sogar Weingartner in seiner beachtenswerten Schrift "Die Symphonie nach Beethoven" aus, und man hört Ähnliches oft genug aus dem Munde von Musikern, die sich nicht die Mühe genommen haben, sich in die Werke und ihren bei aller Strenge freien Geist zu versenken. Und doch ist dies gerade bei diesem Tonsetzer eine unbedingte Notwendigkeit, denn seine Tondichtungen erschließen, ähnlich denen eines Brahms, ihre verborgensten Schönheiten nur demjenigen, der die eigne Sprache zu erlernen sich nicht scheut, in der sie geschrieben sind. Nach der Mode hat Draeseke freilich nicht komponiert und im Lichte der Sensation vermochte seine herbe, keusche und tiefe Kunst nie zu wandeln — "ob etwa eine Tugend, ob etwa ein Lob, dem denket nach."

Man hat ihm mehr als einmal den Vorwurf gemacht, daß er nicht die von Liszt geschaffene "Symphonische Dichtung" weiter ausgebaut, sondern viersätzige Symphonieen nach klassischem Vorbild geschaffen habe. Er konnte und durfte das, weil ihm die Gabe der breiten, in sich geschlossenen Melodie verliehen war und er sich infolgedessen nicht mit kurzatmigen Motiven begnügen mußte. Und man braucht sich nur mit seinen Symphonieen zu beschäftigen, um zu erkennen, daß er zwar in Harmonik, Rhythmik, Chromatik ein durchaus Moderner ist, aber vermöge seiner besonderen melodischen Begabung auf die kleinliche Motivarbeit keinen Wert zu legen nötig hatte, die, wie die neueste Entwicklung lehrt, uns ja auch nicht eben zu ragenden Höhen geführt hat. Die Innerlichkeit seines Wesens, die mit der Zeit erlangte kontra­punktische Meisterschaft und vor allem das Bestreben, nicht Vorgänge zu schildern, nicht Farbe, Stimmung oder sonst etwas, sondern immer in erster Linie Musik, gute Musik zu gehen, ließen ihn die Ausgangspunkte seines orchestralen Schaffens in Beethoven suchen und finden. Wenn die musikalische Welt jetzt wieder zu begreifen beginnt, daß eine feste, klare Form durchaus nötig ist, um der Tonkunst den sicheren Halt zu geben, so ist Felix Draeseke zu dieser Erkenntnis schon wesentlich früher gelangt, und die Musikgeschichte wird ihn neben Brahms und Bruckner ehrenvoll nennen. Seine "Tragische Symphonie" Ist ein Tongedicht, das in bewundernswerter Weise persönliche Freiheit, modernen Geist mit der Beherrschung der Form vereinigt. Daß Joh. Seb. Bach starken Einfluß auf Draeseke gewann, ist begreiflich, denn die Kraft, Wucht und Würde dieses Altmeisters waren der Natur Draesekes eng verwandt, den man in seiner knorrigen Festigkeit zunächst für einen Niederdeutschen halten möchte, wenn nicht sein Humor und seine freudige, begeisterte Musikanten­natur ihn als einen Sohn des sächsisch-thüringischen Stammes auswiesen. Bach und Beethoven sind die Gewaltigen, auf deren Spuren er wandelt; zeigen die tiefgründigen Adagiosätze seiner Werke fast immer Beethovensche Züge, ohne je in Nachahmung zu verfallen, so tritt in den Allegros Bachs Geist deutlich zutage — und wie herrlich es ihm gelungen ist, diese beiden Elemente zu neuer künstlerischer Einheit zu verbinden, das hat die Welt mit Staunen erkannt, als die überwältigenden Chöre und Finales des Draesekeschen "Christus" an ihr Ohr klangen.

Freier noch als in den Symphonieen, von denen die in F-Dur als ein ganz köstliches Erzeugnis seiner Kunst noch hervorgehoben sei, bewegt sich Draeseke in seinen Kammermusikwerken, unter denen das Streichquartett cis-moll wohl die erste Stelle einnimmt; hier steht er auf der vollen Höhe reifster Meisterschaft, hier überrascht er durch kühne Klangkombinationen und durch einen unerschöpflichen Reichtum der Erfindung und des Ausdrucks. Wie bereitwillig Draeseke auf Neuerungen einging, die ihm bedeutsam erschienen, beweist sein Quintett für die Stelznerinstrumente, sowie seine Sonate C-dur für Viola aits, worin er die Eigenart des Instruments In wahrhaft genialer Weise auszubeuten weiß. Seine Cellosonate D-dur, sein Streichquintett F-dur, sein Hornquintett B-dur, die Suite für zwei Violinen, sein Streichquartett e-moll sind Schöpfungen, die nur gespielt zu werden brauchen, um einer rechten Würdigung des Meisters Tür und Tor zu öffnen. Zwischen seinen Symphonleen und seiner Kammermusik steht die "Serenade für kleines Orchester" D-dur, die nach dem gewaltigen seelischen Ringen der "Tragika" entstanden ist und uns den Tonsetzer von seiner liebenswürdigsten Seite zeigt, wenngleich darin ernste Wendungen (vor allem in dem "Liebesszene" betitelten Satze) nicht fehlen. Seine große Sonate für Klavier hat, so oft sie von einem berufenen Künstler vorgetragen wurde, wahre Begeisterung erregt und seine kleinen Klavierstücke sind geeignet, ihn Jedem Höhrer und Spieler nahezubringen.

Von seinen kirchlichen Kompositionen möchte ich der a cappella Messe einen besonderen Ehrenplatz anweisen, denn sie gehört zu dem Schönsten, was auf diesem Gebiete In dem letzten Menschenalter geschaffen worden ist, und zeigt die Eigenart ihres Schöpfers im klarsten Lichte.

Auch als Liederkomponist ist Meister Draeseke mit Elfer und Erfolg tätig gewesen und auch hier hat er zwar alle Errungenschaften der modernen Harmonik, Rhythmik und Deklamation sich zunutze gemacht, aber doch der Singstimme allenthalben die Vorherrschaft belassen. Sein Liederstil geht im Gegensatze zu dem der meisten neueren Kunstgenossen, vom ganzen Gedicht aus, um zunächst eine Gesamtstimmung zu schaffen, von der sich dann die Einzeipartieen sicher abheben. Die Klavierstimme Ist nie aufdringlich, aber stets bedeutsam und bringt in charakteristischen Figuren oft überraschende musikalische Ergänzungen des Textes. "Bergidylle", "Das kranke Kind", "Buch des Frohmuts", "Die drei Gesellen", "Weihestunden", "Landschaftsbilder" verdienen die liebevolle Beachtung aller Sänger und Sängerinnen, auch die Balladen "Ritter Olaf" und "Pausanias" sind Stücke von außerordentlicher Stimmungskraft. Der In Ihnen waltende dramatische Zug läßt erkennen, daß es auch an dieser Begabung Draeseke nicht mangelt. Freilich hat er an seinen Opern am wenigsten Freude erlebt, woran wohl der Umstand Schuld sein mag, daß der Meister als begeisterter Anhänger Wagners sich seine Texte selbst schrieb, ohne leider das dichterische Talent und den untrüglichen Sinn für Bühnenwirkungen zu haben, die jenem eigen waren. Aber musikalisch enthalten seine Opern soviel Schönes und Großes, daß man die geringe Verbreitung dieser Werke nur beklagen kann. Besonders in der dreiaktigen "Herrat", deren Handlung dem Sagenkreise Dietrichs von Bern entlehnt ist, zeigt es sich deutlich, daß Draeseke in dem breiten Flusse der "unendlichen Melodie" ein berufener Nachfolger Wagners war, sowie, daß der ganzen Musik Sinn für dramatische Steigerungen ebenso eigen ist, wie Kraft, Wucht und heldenhafte Würde. Neben "Herrat" verdienen die Oper "Bertrand de Born" und das musikalische Märchenspiel "Fischer und Kalif" Erwähnung und Beachtung.

Seltsamerweise hat sich die Meinung verbreitet und festgewurzelt, daß Draesekes Schöpfungen außerordentlich schwierig und im Verhältnis zu ihren Anforderungen nicht recht dankbar seien. Vielleicht bieten sie denjenigen ausübenden Künstlern, die mehr sich selbst als den Komponisten zur Geltung bringen wollen, nicht genug Gelegenheit, ihr eignes Licht leuchten zu lassen, aber um so mehr sollten sich alle diejenigen Konzertinstitute und Künstler für Draeseke einsetzen, denen an der Pflege ernster, kraftvoller, echt deutscher Kunst gelegen ist.

An Kämpfen und Schmerzen, Sorgen und leidvollen Erfahrungen hat es dem heimgegangenen Meister nicht gefehlt. Ein Gehörleiden, das im besten Mannesalter bei ihm einsetzte und sich mit den Jahren immer mehr steigerte, mußte dem Musiker besonders empfindlich sein. Doch, auch hier am Beispiel Beethovens sich aufrichtend, trug er das Leiden mit Geduld und Ergebung, ja, je mehr sich sein äußeres Ohr verschloß, desto mehr lernte er, in sich hineinzuhorchen, desto tiefer und innerlicher wurde sein Schaffen. Ja, man darf vielleicht sagen, daß Draeseke ohne seine Schwerhörigkeit nicht die Muße und Stille zur Vollendung seines "Christus" gefunden haben würde. Andererseits entbehrte er doch die Möglickeit des mühelosen Musikgenießens sehr schmerzlich, und die fehlende Kontrolle des Geschriebenen durch das Ohr machte sich in der zunehmenden Dicke seiner Instrumentation bemerkbar. Doch wird man sehr vorsichtig mit etwaigen Änderungen sein müssen, damit nicht der besondere Orchesterklang dieser Schöpfungen Einbuße erleidet.

Der große, unbestrittene Ruf, den Draeseke als einer der hervorragendsten Kontrapunktiker der Gegenwart genoß, und die glänzende Aufnahme, die sein umfangreiches Lehrbuch "Der gebundene Stil" fand, war ihm samt allen Orden und Titeln kein Trost über die langsame und mühselige Art, in der seine Tondichtungen sich den Boden erkämpfen mußten. Mit seinem guten Humor, der mitunter etwas grimmig und ironisch war, half er sich zwar darüber hinweg, aber die ungestillte Sehnsucht der gewaltigen Wirkung auf weiteste Volksschichten, eine bald stille, bald widerwillige Resignation klang aus seinem ganzen Wesen heraus. So war die ungeheure Wirkung des "Christus" in Berlin und Dresden seine größte, tiefste Freude, und auch in der Verleihung eines Ehrensoldes durch die Stadt Dresden erblickte er eine spontane Anerkennung seines künstlerischen Wollens und Vollbringens.

Im Gespräch zitierte er gern das bekannte Lessingsche Epigramm:

Wer wird nicht einen Klopstock loben?
Doch wird ihn jeder lesen? Nein!  —
Wir wollen weniger erhoben
Und fleißiger gelesen sein

und pflegte die Nutzanwendung auf die Komponisten launig daranzuknüpfen. Die Zukunft wird ihm sein volles Recht geben, denn seine Werke werden ruhig und sicher ihre Stellung im Musikschatze erobern. Ihm selbst aber, dem großen Künstler mit dem Herzen eines Kindes, folgen Dank und Verehrung sller, die ihn kannten, in die Ewigkeit nach.

1) Des 70. Geburtstags des Künstlers hat die "Musik" seinerzeit mit einem Aufsatz von Kurt Mey gedacht (Jahrgang V, Heft 2). Bildliche Darstellungen enthalten die Hefte II, 17; V, 3; VII, 9 und IX, 13 Red

 
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