Felix Draeseke: String quartet nr. 2 in e, op 35 (1886)

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Streichquartett nr. 2 e-moll, Op. 35 von Felix Draeseke (1835-1913)

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Vorwort zur Neuauflage des Erstdrucks von 1887

Felix Draesekes Streichquartett in e-moll, Op. 35, entstand 1886 in der Nachbarschaft von zwei bedeutenden Werken seines Gesamtschaffens, nämlich dem Klavierkonzert Es-dur (Op. 36) und der Sinfonia tragica (Op. 40). Die hier in einem Neudruck vorgelegte Kammermusik widmete der Komponist seinem Freund und Kollegen Eduard Rappoldi, dessen Frau, Laura Rappoldi-Karer, sich stark für Draesekes Klaviermusik einsetzte und auf deren Anregung hin das oben genannte Klavierkonzert entstanden ist. Gegenüber den beiden Titanenwerken besetzt das e-moll-Quartett eine entgegengesetzte Position. Draeseke selbst hat es wegen seiner innigen und abgeklärten Grundstimmung den anderen zwei Streichquartetten (Nr. 1, c-moll, Op. 27 von 1827, und Nr. 3, cis-moll, Op. 66 von 1895) stets vorgezogen. Gewiss darf diese Kammermusik wegen des lyrischen Grundzuges zu den "schönsten und innigsten Hausmusiken der Romantik" (E. Roeder, Biographie Bad. 2, S. 166) gezählt werden, nicht der einzige Grund, das Werk hiermit einer breiteren Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. Schon an anderer Stelle ist betont worden, dass Felix Draeseke in den einzelnen Gattungen der Musik jeweils auch Werke ganz Überdurchschnittlicher Bedeutung hinterlassen hat. Einen solchen Platz nimmt beispielsweise die Klaviersonate Op. 6 für die Klaviermusik ein. In der Sinfonik steht zweifelsohne Draesekes Sinfonia tragica ganz oben. In der Formengeschichte des Oratoriums beansprucht sein berühmtes Mysterium "Christus" einen Sonderplatz. Draesekes Kammermusik findet in dem späten Streichquintett F-dur/f-moll Op. 77 ihren Höhepunkt. Über der oft zitierten Bemerkung von Hermann Kretzschmar, der Draeseke als den "gefürchtetsten Kontrapunktiker seiner Zeit" bezeichnete, wird allzu oft vergessen, dass Draeseke neben der absoluten Beherrschung der musikalischen Satztechniken auch ein Melodiker war, dessen Erfindungen zum Schönsten gehören. Das hiermit der Öffentlichkeit an die Hand gegebene Streichquartett e-moll ist denn auch geeignet, den ganz anderen, den "lyrischen" Draeseke in 1869Draeseke bestens bekannt zu machen. Es sei noch darauf hingewiesen, dass die Kammermusik überhaupt in Draesekes Gesamtschaffen einen sehr breiten Raum einnimmt, wobei der Komponist auch für zum Teil seltene Besetzungen geschrieben hat. Genannt seien in diesem Zusammenhang das Quartett Op. 48 für Klavier, Violine, Viola, Violoncello und Horn sowie die zwei Sonaten für Viola alta and Klavier (Nr. 1 c-moll o.0. erschien beim Verlag Wollenweber) als Beispiele. Draesekes Quartettstil zeichnet sich aus durch die vorherrschende Gleichbehandlung aller Instrumente. Der Komponist schreibt für das Streichquartett als einheitlichen Klangkörper, ein Charakteristikum für den Kompositionsstil Draesekes überhaupt, denn auch in der Klaviermusik ebenso wie in der Sinfonik und der a-cappella-Chormusik trifft man eine sichere Beherrschung der jeweiligen Eigenarten der Instrumente bzw. der Stimmen an. Felix Draeseke vollendete sein Streichquartett e-moll im Mai 1886.

Der erste Satz (4/4-Takt, Allegro moderato), im Tempo sehr variabel, fesselt durch lyrische Innigkeit. Das Hauptthema ergiesst sich in einer breiten Cantilene des Violoncello, die wehmutigen Charakter hat. Wiederholung and Fortführung des Themas erfolgt in lichter Höhe. Nach einer kurzen Überleitung tritt das zweite Thema in der Paralleltonart E-dur ein. Das folgende dritte Thema ist aus dem zweiten entwickelt worden. Die Rückleitung zur Vordersatzwiederholung nähert sich dem ersten Thema wieder an, das auch den Anfang der kurzen Durchführung beherrscht. In flächenhaftem Wechsel werden auch die Nebenthemen behandelt. Ein Triolenmotiv schwingt noch mit, wenn mit dem Hauptthema bald die Reprise einsetzt. Das zweite Thema erscheint dann zweimal - zunächst in G-, dann in E-du r. Dieses beherrscht auch die Coda. Bevor der Sch1u5 des Kopfsatzes in einem sturmischen vierfachen Oktavkanon herbeigeführt wird, imitieren die Aussenstimmen das Kopfmotiv in uberaus zarter Ausformung. Der zweite Satz (2/4-Takt, Allegro vivace, e-moll) ist ein geistvolles Scherzo im geraden Takt. Es entwickelt sich aus rollenden 16teln eines einzigen Themas, wie sich das schon in Draesekes 1. Sinfonie G-dur feststellen lasst. Das Thema wird in Terzen mitgespielt. Seine Unregelmässigkeit birgt Überraschungen. An Zwischenschlägen, launigem Abspringen in andere Tonarten fehlt es ebenso wenig wie an klanglichen Besonderheiten, etwa beim gezupften Themeneinsatz in der Reprise. Einen rhythmisch harmonischen Gegensatz bildet das Trio (3/4-Takt, C-dur) mit einem mazurka-artigen Hauptgedanken and der berückenden Aussprache zwischen Violoncello und der kontrapunktierenden Violine. Das folgende Adagio (3/4-Takt, molto espressivo, C-dur) ist ein Satz von stimmungsvoller Zartheit und tiefer Selbstbeschaulichkeit. Auch hier sind Beziehungen zur schon genannten G-dur-Sinfonie festzustellen. Neben der Fülle der Eingebungen wird man die Eindringlichkeit der so unaufdringlichen Melodien, die Feinheit in der Stimmenverwebung, die kontrapunktische Selbstverständlichkeit der bisweilen kanonischen Einsatze stets bewundern. Der das Werk krönende Schluss (6/8-Takt, Allegro molto vivace) ist wieder ein heiteres, "durchgeführtes"Rondo. Es wird eröffnet durch ein Gigue-artiges, unregelmässiges Thema, dessen abwärts springende Achtel sofort wieder emporsteigen. Den Nachsatz beherrscht eine fesselnde Rhythmik. Der Hauptgedanke kehrt mit funkensprühender Lebendigkeit vor einem Einschnitt auf der Subdominante wieder. Breit ausgesponnen ist der lyrische Zwischensatz. Ganz überraschend erfolgt schliesslich auf höchster Hohe ein Themeneinsatz in C-dur, nach weiterem Zwischensatz ein weiterer in F-dur. Aus dem zweiten Thementeil wird dann ein entzückendes Fugato entwickelt. Mit dem Dominanteintritt des Hauptsatzes klart sich die Rondoform. Die kräftigen Themen werden durch Harmonie- und Instrumentenwechsel aufgefrischt. Mit einem Zitat des Hauptmotives aus dem ersten Satz, das in schlichter Oktav-Imitation erscheint, wird noch einmal an die lyrische Grundhaltung des Gesamtwerkes erinnert. bevor ein Presto-Anhang auch hier den Schluss herbeifuhrt.

Dank für das Zustandekommen dieser Edition schuldet die Internationale Draeseke-Gesellschaft in erster Linie der Niederfüllbacher Stiftung, sodann aber auch der Musikabteilung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, die die Originale des Draeseke: String quartet nr. 2 in e, op 35 (1886)Erstdruckes von 1887 zur Verfügung stellte. An den Neudruck des hiermit vorgelegten Streichquartettes knüpft sich die Hoffnung auf ein breites Interesse an der Kammermusik Felix Draesekes ebenso wie der in bewusster Absicht erfolgte Hinweis auf das Gesamtwerk eines Komponisten, der im Umfeld von Richard Wagner und Franz Liszt seine Eigenständigkeit in vielfacher Hinsicht bewiesen hat. Draesekes Jugendfreund Hans von Bülow hat in einem anderen Zusammenhang ein Wort geprägt, das hier abschliessend stehen darf: "... Alles, was dieser Komponist bisher der Öffentlichkeit übergeben hat, ist nur geeignet gewesen, ihm die Hochachtung und Sympathie der Gebildeten zu erwerben. Er hat vollen Anspruch darauf, von vornherein mit dem einem Meister geziemenden Respekt behandelt zu werden. Wo ihm dieser versagt wird, ist eine Lücke in der Kenntnis der Musikliteratur anzunehmen und der Rat, selbige baldigst auszufüllen, am Platze. Der Komponist hat mit Arbeiten debütiert, die eine solche Reife des Geistes, einen so seltenen Fonds von Wissen und Können offenbaren, dass die Unbekanntschaft mit demselben nur einem Dilettanten zu verzeihen ist!"

© Udo-R. Follert 1990/2003

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Draeseke's Second String Quartet on CD:
 

AKCoburg DR0011AKCoburg DR0011 - Felix Draeseke String Quartets: Vol 1
World premiere recordings of Draeseke's first two quartets: String Quartet nr. 1 in c, op 27 (1880) and String Quartet nr. 2 in e, op 35 (1886). The Hölderlin String Quartet

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