Felix Draeseke: Sammlung Heinz Ebert [Band IIA; Seite 174]
Heinz Drewes: "Das deutsche Musikleben an der Schwelle des fünften Kriegsjahres"
Jahrbuch der deutschen Musik 1944, s. 39

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Heinz Drewes: "Das deutsche Musikleben an der Schwelle des fünften Kriegsjahres" Jahrbuch der deutschen Musik 1944, s. 39
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Heinz Drewes: "Das deutsche Musikleben an der Schwelle des fünften Kriegsjahres" Jahrbuch der deutschen Musik 1944, s. 41

 

Heinz Drewes

Das deutsche Musikleben an der Schwelle
des fünften Kriegsjahres

Dem so häufig - wenn auch fälschlich- zitierten Wort, daß „inter arma silent musae", und dem diesen Gedanken ergänzenden „dicisse fideliter artes, emollit mores" steht die für uns verpflichtende Weisung, daß das „Kulturleben im Kriege ungehindert weiter geht", entgegen. Um sich zu vergegenwärtigen. welche kopernikanische Wendung — mit Kant gesprochen — sich in dieser Einstellung des Staates, ja des ganzen Lebens zur Kunst bekundet. sei daran erinnert, daß sofort zu Beginn des ersten Weltkrieges eine Reihe von Hoftheatern und -kapellen aufgelöst wurde. Nunmehr nimmt die Kunst im Staat die Stellung ein, die ihr Plato zugewiesen sehen wollte. Sie hat ihren Platz im Heiligtum der Nation erhalten und ist als unversiegbarer Quell der seelischen Widerstandskraft erkannt worden.

Es ist immer wieder beglückend. festzustellen, daß das Verlangen nach Musik in allen Teilen des Volkes ungeheuer gewachsen ist, und dem für das Musikleben verantwortlichen Musiker greift es ans Herz, wenn er unmittelbar nach einem Terrorangriff den Anruf erhält: „Wie machen wir unser Orchester wieder spielfähig? Wir brauchen Instrumente, Noten einen Saal—unsere Bevölkerung braucht die Musik wie das liebe Brot!" Welch herrliche Betreuungsaufgaben treten da an die Führung heran! Der gespannten Ersatzlage auf allen Gebieten wird doppelte Energie entgegengesetzt, und geholfen wird auf jeden Fall.

Oder es kommen die Spielscharen der Reichsjugendführung und wünschen für die Volkstums- und Ausweichbetreuung hundert Instrumente — soweit sie nicht neu hersteilbar sind. werden Wege zu privater Leihbeschaffung gefunden. Wie oft wünschen Bunkerbesatzungen oder Lazarette Akkordeons — auch hier muss oft geradezu gezaubert werden. Und wo ausgebombten Berufsmusikern neue Konzertflügel nicht immer beschafft werden können, werden Leihklaviere aus Laienhänden zu den Fachleuten zurückbeordert.

Jungen Konzertmeistern und Geigensolisten wurden aus dem Inland und Ausland aufgekaufte alte Meisterviolinen zur Verfügung gestellt.

Im Zeichen produktiver improvisation standen auch vielfach die personellen Aushilfsfragen benachbarter Orchester. Es soll nicht unerwähnt bleiben, weiche immer arbeitsfreudige Mehrleistung besonders den führenden Bläsern dauernd zugemutet werden muss. Das Ergebnis darf ein stolzes und hocherfreuliches heißen: selbst in den meistgesdiädigten Gebieten stehen unsere Orchester spielbereit an der innern Front im Kampf — ein „Kulturkampf gegen, das Untermenschentum des Ostens und Westens.

Der „totale Krieg" drängt weiter zur Lösung anderer, verwandter Probleme: sinnvolle Umquartierung von Musikerziehern, Ausgleich des Verlustes an Musikunterrichtsränmen durch Verlegung in andere Gaue, Verwendungswechsel im Verlagswesen und Musikalienhandel um nur einige zu nennen.

Bei wieviel zeitbedingten Kuenstlerschicksalen konnte helfend eingegriffen werden: diesem Komponisten sind seine Partituren ausgebombt worden, jenem die Opernbühne, die sein Werk angenommen, oder der Verlag, der seine Manuskripte eben drucken wollte — bei solchen Rückschlägen galt es durch Arbeitsaufträge die Lust zu neuem Schaffen zu erwecken. Waren einem Musiker an der Ostfront die Finger erfroren oder war ihm anderer Körperschaden für die Berufsausübung zugestoßen, so wurde nach Möglichkeit die Rückkehr in einen wenigstens verwandten Beruf versucht.

Jungen Talenten ist Arbeitsurlaub erwirkt worden und die Werke feldgrauer Komponisten werden liebevoll in Konzert und Rundfunk aufgeführt. In weitem Umfang werden jetzt schon Planungen vorbereitet, die den Heimkehrern aus dem Felde die Nachholung der versäumten Studienjahre verkiirzen und erleichtern sollen, nicht zuletzt durch Bereitstellung eines geeigneten. konzentrierten Musikschrifttums.

So ergibt sich auf dem innerdeutschen Musikgebiet ein Bild des geistigen Reichtums und der nationalen Würde; der Programmanteil des zeitgenössischen Tonschaffens im ernsten Konzert steigt immer. noch an, und der Bedarf an „beschwingter Musik" wird in bester Qualität für den weiten Kreis der Volksgemeinschaft gepflegt. Neubearbeitete ältere Bühnenwerke ernteten dankbarsten Publikumswiderhall; neue Opern Singspiele, Operetten als staatliche Auftragswerke nähern sich in großer Zahl der Fertigstellung.

Deutsche Orchester — an. der Spitze die Berliner Philharmoniker — spielten in Spanien und Portugal- wie in Skandinavien, in Frankreich wie in Rumänien. Bulgarien und der Türkei und gaben Zeugnis von der ungebrochenen Kraft des Reiches.

Aufgeschlossen empfangen wir die Musik der befreundeten Nationen, schöpferischer oder nachschaffender Art. So hat das vierte Kriegsjahr bei uns Meisterwerke und Meisterleistungen unserer finnischen Fachgenossen erlebt und ebensolche unserer spanischen und rumänischen Freunde. Türkische und balkanische Komponisten ließen durch deutsche Formenschulung mannigfache Folklorereize hindurchschimmern; Virtuosen aus Ankara und Agram aus Sofia und Bukarest trafen sich hier mit solchen aus Barcelona, Stockholm und Lissabon.

Wenn weiter Wieder französische Konzertmusik in Deutschland musiziert wird und in Krakau ein Chopin-Museum eröffnet worden ist so wird die Grofiztigigkeit des Crofideutsdien Beices nicht anzweifelbar sein, das, seiner inneren Stärke bewußt, auf seine Mittlerrolle im künftigen Europa völlig vorbereitet ist.

Jahrbuch der deutschen Musik 1944, s. 39

 
 
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