Felix Draeseke: Sammlung Heinz Ebert
[Band IIA; Seiten 127-128
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Hermann Stephani: Felix Draeseke. Sonderdruck aus "Die Musikpflege" 5.Jahrg., Heft 12 (1935)

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Sonderdruck aus "Die Musikpflege" V. Jahrg., Heft 12 (1935)
Felix Draeseke von Hermann Stephani

Dem Beginn des nächsten Konzertwinters strahlt ein helles Gestirn: Am 7. Oktober vor 100 Jahren ist zu Koburg der deutschen Tonkunst geboren worden Felix Draeseke.

Der Enkel des Landesbischofs Bernhard Draeseke, eines der geistigen Führer Preußens zur Zeit der Freiheitskriege, erlebt das Ringen der "neudeutschen" Führernaturen Wagner und Liszt und eilt zu den Fahnen ihrer stolz beschwingten Gedankenwelt. Noch vor Wagners Nibelungen-ring schafft er die erste germanische Recken-Oper "Sigurd", und bald türmt er aus einem einzigen Grundmotiv in dramatisch-psychologischer Variierung einen symphonischen Riesensatz von 1300 Takten, seinen "Caesar". So kühn aber überspannt er in seiner Kantate "Germania an ihre Kinder" und im Germania-Marsch den Bogen, daß er, äußerster Flügelmann der Fortschritts-Partei, den zu Mendelssohnscher Glätte und Eleganz erzogenen Zeitgenossen ein "Schrecken der Menschheit" dünkt. Zwölf Jahre innerer Vereinsamung in der Schweiz und ein einjähriges Studium der Formbeherrschtheit südlicher bildender Kunst bereiten einen tiefgreifenden Anschauungswandel vor, und schon klären sich erste Umrisse künftiger polyphoner Bildungen auf geistlichem Schaffensgebiet: der durch ein zunehmendes Gehörleiden der Welt sich immer mehr Entfremdende verwühlt sich in das Studium abstrakter kontrapunktischer Kunst. Und wie er in der Symphonia tragica die bisher getrennt laufenden Richtungen absoluter und programmatischer Musik zur Einheit verschmilzt, so gelingt ihm im h-moll-Requiem und in der fis-moll-Messe die noch erstaunlichere Synthese neuzeitlicher Subjektivität mit überzeitlicher objektiver polyphoner Musikgesetzlichkeit.

Dem seit 1876 in Dresden ansässig Gewordenen, der rüstig Lieder, Kammermusik, Symphonien, symphonische Dichtungen schafft, reifen nun auch Opernpläne, die, nach anfänglichem Überwiegen musikalischer Lyrik ("Herrat", "Gudrun") allmählich in musikdramatischer motivisch-symphonischer Architektur gipfeln ("Bertran de Born", "Merlin"). Zur Jahrhundertwende aber liegt abgeschlossen vor eine Leistung, deren Wagnis auf Oratoriengebiete seinesgleichen nicht findet: der drei Abende füllende "Christus", dessen überaus gewaltige, von Reflexion gezügelte polyphone Ballungen das protestantische Gegenstück bilden zu dem süddeutschen naiven geistlichen Neubarock Bruckners.

So hat Felix Draesekes ungebrochene Urkraft die lebenglühende Ausdrucksmusik der Neudeutschen, deren kraftgenialischer Subjektivismus einst in dem Jüngling sich selbst überschlug, in unerhörter Selbstbezwingung zurückgeführt zu beherrschterObjektivität und sie ins Gleichgewicht gerückt mit den überpersönlich gültigen Werten und Gestaltungskräften reiner Musikarchitektur. Der gleichen Sendung diente wohl auch Johannes Brahms und dienten Kleinere. Bei keinem seiner Zeit­genossen aber erwuchs sie aus einer auch nur annähernd so starken Gegenspannung der Grundkräfte wie bei Felix Draeseke.
Blieb er zeitlebens der große Unzeitgemäße — in seinem 100. Geburtsjahre geziemt es uns doppelt sich auf sein Erbe zu besinnen. Aufs neue ist ja dem deutschen Menschen bewußt geworden der Heros als Verkörperer absoluter sittlicher Werte. Der Führergedanke, der ihm im staatlichen Dasein voranleuchtet, er soll ihm auch erstehen aus den Werken der Kunst. Möge der "Recke", wie ihn seine Freunde nannten, möge die herbe Geistigkeit dieses vollblütigen Niederdeutschen, die Meisterlichkeit seines Könnens, die Reinheit seiner Kunstgesinnung Mitstreiter werden um das große Gegenwartsziel einer Wiedergesundung unseres deutschen Musiklebens !

Die Felix Draeseke-Gesellschaft

ruft dazu auf, das 100. Geburtsjahr Felix Draesekes festlich zu begehen. 6 Opern, 6 symphonische Dichtungen, 4 Symphonien, 2 Requiems, 2 Messen, die Oratorientrilogie "Christus", Werke für Chor und Einzelgesang, für Klavier und Kammermusik harren der Wiederbelebung, zum Teil noch der Uraufführung. Wohl kaum ein Tonmeister der letzten 75 Jahre weist eine so umfassende Vielseitigkeit des Schaffens auf; die geistliche Tonkunst durfte zur Jahrhundertwende in ihm die alles überragende Persönlichkeit erblicken.
Es ist Pflicht, dem deutschen Volke die Bedeutung eines solchen geistigen Erbes bewußt zu machen. Neben anderen Gedächtnisveranstaltungen bereitet insbesondere Koburg vom 5.-7. Oktober Draeseke-Feiern, Dresden vom 17.-24. November eine ganze Draeseke-Woche vor; die Reichsmusikkammer aber will "in der Durchführung" der Feiern "gern mit Rat und Tat zur Seite stehen".

Die Felix-Draeseke-Gesellschaft würde es freudig begrüßen, wenn Sie ihre der deutschen Kunst dienenden Bestrebungen fördern und sich als ihr Mitglied eintragen lassen wollten; der Jahresbeitrag beträgt 4.— RM., Postscheckkonto Dresden 114916. Mitglieder haben Anspruch auf ermäßigten Eintrittspreis bei allen Veranstaltungen der Gesellschaft.

Im März 1935

Die Felix Draeseke-Gesellschaft
Der Vorsitzende
Prof. Dr. Hermann Stephani, Marburg-Lahn

 
 
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